Rezension: Halbschwergewicht von Edgar Rai

Über drei Jahre saß der Boxer Lucky im Gefängnis für einen Mord, den er nicht begangen hat. Als er aus der Haft entlassen wird, will er um jeden Preis herausfinden, wer ihn damals gelinkt hat und ob seine Frau Yvonne davon wusste oder ihn für einen Mörder hält. Doch die Vergangenheit holt Lucky schneller ein, als ihm lieb ist, denn als er seinen alten Trainer aufsucht, wird dieser vor seinen Augen erschossen und Lucky ist der einzige Verdächtige…

Das Leben, das du heute nicht lebst, wird für immer ungelebt bleiben. Wie konnte etwas für immer sein, wenn es sowieso nur das Jetzt gab? Lucky kann die Bedeutung dieses Satzes nicht richtig greifen, aber er spürt die darin enthaltene Aufforderung: dass man so tun soll, als gebe es kein Morgen und dann merkt man schon, worauf es ankommt.

Buchgedanken:

Edgar Rai erzählt die elektrisierende Geschichte eines Mannes, der von allen unterschätzt wird, aber ein klares Ziel vor Augen hat, das er gegen alle Widerstände verfolgt. An der Seite von Lucky streift der Leser durch Berlin, lernt die schillernde Seite des Boxgeschäftes ebenso kennen wie das raue Millieu, immer getrieben von der Suche nach der Wahrheit. Ein rasanter, origineller und spannender Roman, der stets den richtigen Ton trifft und den Leser wie im Fieber durch die Seiten jagt. Zeit zum Durchatmen lässt Edgar Rai kaum, flechtet scheinbar beiläufig humorvolle Szenen und Lebensweisheiten ein, während der Leser sich noch von der Brutalität des Geschehens erholt.
Boxer Lucky kennt die Licht- und Schattenseiten des Lebens, ein rauer Einzelgänger, der sich zuweilen nicht besonders clever anstellt, aber zu überraschen vermag. Eine vielschichtige Figur, die den Leser, trotz der Rohheit und Ambivalenz, von Anfang an für sich einnimmt, so dass man die Geschehnisse gebannt verfolgt und auf einen guten Ausgang hofft.

Fazit:

Ein spannender und temporeicher Roman, schonungslos realistisch und mitunter brutal, der dank der originellen Geschichte und des treffenden Schreibstils auf ganzer Linie überzeugt.

© Piper Verlag

Halbschwergewicht ist ein zeitgenössischer Roman von Edgar Rai und 2018 im Piper Verlag erschienen.
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Rezension: Die Stadt der verbotenen Träume von Emmi Itäranta

Diese Nacht ist anders. Der Schlaf im Haus ist leicht, denn auf den Steinen des Platzes trocknet fremdes Blut. Der Sand rieselt langsam durch die Stundengläser. Nach und nach verstummen das Hüsteln, die Schritte und die heimlich gewechselten Worte. Jedes Mal, wenn meine Augen sich schließen, sehe ich das Mädchen vor mir. Obwohl ich weiß, dass der Angreifer weit weg sein muss, ist jeder Schatten an der Wand dunkler als gewöhnlich.

Eliana ist eine Weberin im Haus der Spinnweben. Pflichtbewusst geht sie ihrer Tätigkeit nach, doch insgeheim kann sie viel mehr als weben, denn sie hat gelernt zu lesen und zu schreiben und sie träumt. Eine Fähigkeit, die der Rat der Inselstadt strengstens verboten hat, Träumer werden geächtet und in das Haus der Befleckten verbannt. Eines Tages wird ein junges Mädchen bewusstlos aufgefunden. Der einzige Hinweis auf ihre Identität ist ein Wort, das auf ihre Handfläche tätowiert wurde: Eliana. Als Eliana sich dem Geheimnis des Mädchens nähert, läuft sie Gefahr, dass ihr eigenes Geheimnis zu Tage tritt …

Buchgedanken:

Emmi Itäranta hat eine düstere und zugleich faszinierende Welt geschaffen, in der Träume verboten sind, die Entscheidungen des omnipräsenten aber gesichtslosen Rates nicht infrage gestellt werden und die Hoffnung im Verborgenen glimmt, ähnlich den Leuchtgläser, die auf der Insel als Lichtquelle dienen. Ein detailreicher und komplexer Mikrokosmos, in dem es viel zu entdecken gibt und dessen Ordnung anfangs schwer zu durchschauen ist, aber nichtsdestotrotz eine fantastische Welt, in die der Leser voller Spannung eintaucht. Eliana ist eine sympathische und authentische Protagonistin, deren Entwicklung man gebannt verfolgt. Auch die Nebenfiguren sind sehr gut gezeichnet, originell und glaubwürdig. Itäranta erzählt die Geschichte auf eine tiefgründige, zuweilen poetische Art und Weise und erschafft eine mitunter bedrohliche Atmosphäre von Licht und Schatten.

Fazit:

Eine fantasievolle, spannende und traumwandlerische Geschichte, die am Ende viel Raum für eigene Gedanken lässt. Wer originelle Fantasy mit einer gut durchdachten Geschichte und einer starken Protagonistin mag, wird von diesem Roman begeistert sein.

© Arctis Verlag

Die Stadt der verbotenen Träume ist ein Fantasy-Roman von Emmi Itäranta, übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara und 2017 erschienen im Arctis Verlag.

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Rezension: Celfie und die Unvollkommenen von Boris Pfeiffer

Das Mädchen aus Farbek lauschte in sich hinein und spürte, dass etwas in ihr, ganz tief von innen, pochte und schlug. Es fühlte sich an, als trommelte etwas beharrlich gegen eine Gefängniswand, auf der Suche nach einem Weg in die Freiheit. Es machte die Dunkelkeit, die sie vorhin noch in sich gefühlt hatte, kleiner und schwächer.

Celfie Madison kommt aus Farbek, dem Reich der Fantasie, und ist ein Mensch gewordener Gedanke. Mit ihren gletscherfarbenen Augen kann sie Graffiti lebendig machen. Ihr Denker, der skrupellose Geschäftsmann Glenn Single Despott, verfolgt einen finsteren Plan. Er will die Gedanken der Menschen beherrschen und Celfie dafür benutzen. Doch Celfie flüchtet aus Glenns Kommandozentrale und findet sich auf der Erde wieder. Dort erweckt sie die gesprayte Maus Flusch zum Leben. Gemeinsam mit dem Sprayer Kyle und weiteren Graffiti-Tieren, versuchen sie Glenns Plan zu vereiteln…

Buchgedanken:

Boris Pfeiffer erzählt eine märchenhafte Geschichte über die Macht der Fantasie, Zusammenhalt und das Erkennen der eigenen Stärken, voller liebenswerter Figuren und origineller Ideen. Celfie ist eine sympathische und starke Heldin, das personifizierte Gute, Glenn Despott ein gelungener, machtgieriger Gegenspieler. Die Geschichte ist unterhaltsam, spannend und tiefsinnig.

Fazit:

Ein Roman, der mit zauberhaften Figuren und Einfallsreichtum überzeugt und ein fantasievoller Lesespass für Jung und Alt.

© Kosmos Verlag

Celfie und die Unvollkommenen ist ein Roman von Boris Pfeiffer für Leser ab 11 Jahren, 2017 erschienen im Kosmos Verlag.

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Rezension: Nachtwild von Gin Phillips

»Wenn sie uns umbringen, kommt unser Körper dann in den Himmel? « »Die Seele kommt in den Himmel.« »Achja« haucht er.

Joan verbringt den Nachmittag mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln im Zoo. Als sie sich auf dem Weg zum Ausgang befinden, fallen plötzlich Schüsse, Menschen liegen regungslos am Boden. Joan und ihr Sohn können der Situation ungesehen entkommen und verstecken sich in einem leeren Gehege. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt, denn der oder die Täter machen sich auf die Suche nach Überlebenden…

Buchgedanken:

Gin Phillips hat einen packenden Roman geschrieben über eine Mutter, die in einer lebensbedrohlichen Situation das Wohlergehen und die Bedürfnisse ihres Sohnes über alles stellt. Für einen Thriller fehlt es der Geschichte an atemloser Spannung, da sich Hauptfigur Joan zuweilen in Erinnerungen und Reflexionen verliert. Zudem wurde das Potential des Schauplatzes nicht ganz ausgeschöpft, bedrohliche Begegnungen mit Tieren bilden die Ausnahme, die gespenstische Atmosphäre eines Zoos bei Nacht schimmert nur gelegentlich durch, dafür findet sich Joan zu gut auf den dunklen Wegen zurecht. Dennoch ist Nachtwild eine spannende und nervenaufreibende Geschichte, denn die Angst von Joan ist spürbar. Ihre Anstrengung, die Fassung zu bewahren und ihre Bemühungen, ihr Kind, das sie durch eine unbedarfte Handlung in Gefahr bringen könnte, ruhig zu halten, zerren an den Nerven und tragen ebenso zur Spannung bei, wie die unbekannte Bedrohung durch die Täter.

Fazit:

Ein spannender Roman mit kleineren Logiklücken, der sein Potential nicht ganz ausschöpft, aber dennoch mit einer nervenaufreibenden Story für packende Lesestunden sorgt.

©️ dtv Verlag

Nachtwild ist ein Thriller von Gin Phillips, übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg und 2018 beim dtv erschienen.

 

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