Fantastische Zugreise: Der Welten-Express von Anca Sturm

Liebe Lesefeen,

habt Ihr einmal bemerkt, wie lehrreich Zugreisen sind? Neben dem einzigartigen Verständnis der Bahn von Zeit und Raum, lernt man viel über Land und Leute, denn eine Person unterhält sich immer lautstark über das Tagesgeschehen, den Gesundheitszustand oder das Wetter. Bei den jungen Passagieren des Welten-Express stehen allerdings spannendere Themen auf dem Lehrplan:
Seit ihr älterer Bruder vor zwei Jahren verschwand, sitzt Flinn Nachtigall Abend für Abend am stillgelegten Bahnhof von Weidenborstel und betrachtet die Postkarte mit seiner letzten Nachricht. Bis jener Zug am Bahnhof hält, der auf der Postkarte abgebildet ist. Ohne lange Überlegung steigt Flinn in den Zug und macht sich auf die Suche nach Jonte…

Anca Sturm erzählt eine fantasievolle und spannende Geschichte über einen magischen Zug und ein Mädchen, das auf der Suche nach ihrem Bruder nicht nur neue Freunde findet, sondern auch viel über sich lernt. Flinn ist eine sympathische Protagonistin, deren Gedanken anfangs ausschließlich um ihren Bruder kreisen, so dass sie ihre neuen Freunde gar nicht zu schätzen weiß. Doch je mehr Zeit Flinn im Welten-Express verbringt, desto mehr fühlt sie sich zugehörig und ist dankbar für die Hilfe ihrer Freunde.
Die Figuren sind gut ausgearbeitet, haben Ecken und Kanten und mehr oder weniger liebenswerte Eigenheiten, so dass es an Bord schon einmal zu Streit und Missgunst kommt, insgesamt vermittelt die Geschichte aber positive Werte.
Der detailreiche und bildhafte Schreibstil lässt die Welt an Bord lebendig werden und die Idee hinter dem fahrenden Internat für außergewöhnliche Kinder ist wunderbar. Wobei die magischen Technologien besonders faszinierend sind, hier beweist Anca Sturm Fantasie und Originalität, denn im Zug gibt es viel zu entdecken, da gerät die Suche nach Jonte schon einmal ins Hintertreffen.

Fazit: Eine abenteuerliche und fantasievolle Geschichte über Familie, Freundschaft, erste Liebe und die spannende Reise in einem magischen Zug.

© Carlsen Verlag
Der Welten-Express ist ein Kinderbuch ab 10 Jahren von Anca Sturm, illustriert von Bente Schlick und 2018 im Carlsen Verlag erschienen.
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Buch-Tipp: Federleicht – Die kreative Schreibwerkstatt von Barbara Pachl-Eberhart

Liebe Büchereulen,
mir fiel neulich mein altes Tagebuch in die Hände und ich daraufhin aus allen Wolken. An die ganzen peinlichen, nervigen und ärgerlichen Ereignisse konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, wohingegen Erlebnisse, die ich nicht aufgeschrieben habe, noch immer präsent sind. Damit kein Missverständnis entsteht, ich rede hier nicht von liebgewonnenen Kindheitserinnerungen, sondern von Weltuntergangstagen, an denen alles schief geht – also praktisch meine gesamte Pubertät. An solchen Tagen kann Schreiben ungemein befreiend sein, man verleiht seinen Gefühlen Ausdruck, kann mit dem Erlebten abschließen und die Dinge vergessen, denn niemand braucht die Erinnerung an den Bad Hair Day in der achten Klasse…

Die kreative Schreibwerkstatt zeigt, das Schreiben nicht nur die Seele erleichtert, sondern auch das Leben bereichert, indem kostbare Momente festgehalten werden. Pachl-Eberhart erklärt, wie man mit dem Schreiben beginnt, lebensnah schreibt, Texten Feinschliff gibt, Schreibprojekte plant und Texte veröffentlicht.
Ein umfassender, informativer und praxisorientierter Ratgeber, der neben vielen Tipps und Schreibübungen auch einen Serviceteil mit weiterführender Literatur enthält.

Barbara Pachl-Eberhart hat eine Ausbildung in Poesie- und Bibliotherapie absolviert und versteht es hervorragend zum Schreiben zu motivieren. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem kreativen Prozess – sich ausprobieren, Ideen entwickeln und spielerisch statt kritisch schreiben.

Ein lehrreiches, hilfreiches und ungemein anregendes Buch für alle, die mit Freude schreiben möchten.
Glückliches Schreiben,

♥ Mila

© Integral Verlag
Federleicht – Die kreative Schreibwerkstatt ist ein Ratgeber von Barbara Pachl-Eberhart und 2017 im Integral Verlag erschienen.
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Krimi-Auszeit: Verfall-eine Odyssee von Bernd Jooß

Ein brutaler Serienmörder versetzt das Gerberviertel in Angst und Schrecken. Er tötet ohne erkennbares Motiv und hinterlässt keine Spuren. Hauptkommissar Hendrik Heller wird zu den Ermittlungen hinzugezogen, denn er kennt sich im Gerberviertel gut aus, hat den Bezirk jedoch gemieden, seitdem er dort brutal zusammengeschlagen wurde. Fieberhaft begibt er sich auf die Suche nach dem Täter, wodurch die Erinnerungen an den Überfall allmählich zurückkommen und ihm wird klar, dass ihn der Mörder schon längst im Visier hat…

Verfall ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne, sondern das Psychogramm eines traumatisierten Ermittlers und das Porträt eines geschichtsträchtigen Stadtviertels, das zunehmend verkommt. Inmitten von Gewalt, Verwahrlosung und Baufälligkeit begibt sich Hendrik Heller auf Spurensuche und findet nicht nur Hinweise auf den Täter, sondern auch Zugang zu verdrängten Erinnerungen.
Die Geschichte ist gut konstruiert und das Geschehen und die Figuren authentisch, aber Bernd Jooß versteht es ausgezeichnet, den Leser zu verunsichern. Mit scheinbar beiläufigen Bemerkungen und kleinen Details schürt er das Misstrauen gegenüber seiner Hauptfigur, bis der Leser sich fragt, ob die Ereignisse nun wirklich oder wahnhaft sind.

Ein spannender und mysteriöser Kriminalroman und zugleich die Geschichte eines schleichenden Verfalls – düster, überraschend und fesselnd bis zum Schluss.

© Knaur Verlag
Verfall – eine Odyssee ist ein Kriminalroman von Bernd Jooß und 2018 im Knaur Verlag erschienen.
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Buch-Tipp: Leben ist, was jetzt passiert von Thich Nhat Hanh

© Lotus Verlag

Liebe Lesende,

habt Ihr schon einmal versucht, Euch achtsam die Hände zu waschen? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht so einfach ist, wie es klingt. Während man die Hände einseift, die Schaumbildung beobachtet, das Wasser auf der Haut spürt und sich bewußt macht, wie warm oder kalt es ist, gehen die Gedanken langsam auf Wanderschaft.  Und schon verweilt man nicht mehr im Augenblick, sondern denkt an den wichtigen Termin, den man nicht vergessen darf, die unerledigte Hausarbeit oder den Streit mit der besten Freundin.

Wir leben im Hier und Jetzt, aber unsere Gedanken kreisen am liebsten um die Zukunft oder Vergangenheit. Zudem erledigen wir viele Dinge in Eile und ganz automatisch, ohne sie bewußt wahrzunehmen. Dabei hilft Achtsamkeit erwiesenermaßen gegen Stress. Jeder, der morgens auf dem Weg zur Arbeit schon einmal gegrübelt hat, ob die Kaffeemaschine ausgeschaltet ist oder das Bügeleisen noch an ist, kann dies wohl nachvollziehen.

Die Praxis der Achtsamkeit hat sich in den letzten Jahren zum Modethema und Allheilmittel entwickelt, begünstigt durch unser Streben nach Glück, Gesundheit und Zufriedenheit. Dabei ist das Thema keineswegs neu, die Achtsamkeitspraxis beruht auf dem buddhistischen Diskurs Satipatthana-Sutra und bereits in den Achtzigerjahren entwickelte Jon Kabat-Zinn ein Programm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit.

Der buddhistische Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh ist einer der bedeutensten spirituellen Lehrer der Gegenwart und vermittelt in seinem aktuellen Buch die Kunst der Achtsamkeit in sieben Lehren. Er lässt den Leser an seinem Wissen und seinen Erfahrungen teilhaben und zeigt allgemein verständlich und nachvollziehbar, wie wir uns durch die Praxis der Achtsamkeit von Stress, Angst und falschen Denkmustern befreien können. Ein Buch, das umfassendes Wissen vermittelt und neben hilfreichen Übungen auch spannende Einblicke in das Leben von Thich Nhat Hanh beinhaltet.

Ein gelungenes Plädoyer für die Praxis des achtsamen Lebens, das dazu anregt, den Augenblick bewußt wahrzunehmen.

Lebe den Moment!
♥ Mila

Leben ist, was jetzt passiert: Das Geheimnis der Achtsamkeit ist ein Sachbuch von Thich Nhat Hanh, übersetzt von Jochen Lehner und 2018 im Lotus Verlag erschienen.
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