Rezension: Das Paar aus Haus Nr. 9 von Felicity Everett

Sara und Neil führen mit ihren beiden Söhnen ein beschauliches Leben bis Gavin und Lou mit ihren drei Kindern in das Haus nebenan einziehen. Das Künstlerpaar hat längere Zeit in Spanien gewohnt und besonders Sara ist fasziniert von deren Chic und Weltgewandtheit. Sie bemüht sich um Lous Freundschaft und je enger das Verhältnis zu den Nachbarn wird, desto unzufriedener ist Sara mit ihrem eigenen Leben. Dabei merkt sie gar nicht, wie sehr sie von Lou vereinnahmt wird und sich immer mehr von Freunden und Bekannten distanziert…

Doch was sie an ihrer Freundschaft besonders bereichernd fand, war nicht die intellektuelle Seite, sondern die emotionale. Nach überraschend kurzer Zeit hatte Sara ihrer Freundin Dinge gebeichtet, die sie noch niemandem erzählt hatte, nicht einmal Neil.

Buchgedanken:

Felicity Everett hat einen packenden Roman über Freundschaft und Lebensentwürfe geschrieben, schonungslos ehrlich seziert sie das Leben ihrer Protagonistin und zeigt, wie schnell aus einer Freundschaft eine ungesunde Verbindung entstehen kann. Der Roman besticht durch glaubwürdige Figuren, ein realistisches Geschehen und eine düstere Atmosphäre. Die Neugierde und Faszination von Sara sind nachvollziehbar, ebenso ihre zunehmende Frustration in Bezug auf das eigene Leben. Dabei ist dem Leser schon früh klar, dass diese recht einseitige Freundschaft auf Dauer nicht gutgehen kann und so verfolgt man gebannt, wie Sara sich zunehmend in Selbstzweifeln verliert, sich nicht mehr abgrenzen kann und die Freundschaft erste Risse bekommt.

Ein Roman, der seine Spannung aus der genauen Beobachtung des Beziehungsgeflechts und der Charakterentwicklung gewinnt und zeigt, wie tief der Wunsch nach Anerkennung in einem verwurzelt ist und wie allgegenwärtig das Bestreben ist, aus der Masse hervorzustechen.

© Harper Collins
Das Paar aus Haus Nr. 9 ist ein Roman von Felicity Everett, übersetzt von Olaf Knechten und 2018 bei Harper Collins erschienen.
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Rezension: Wie Arthur Pepper sich vor seiner Nachbarin versteckte und am Ende doch sein Herz fand

Arthur Pepper ist 69 Jahre alt und seit einem Jahr Witwer. Nach dem Tod seiner Frau Miriam hat er sich zurückgezogen, lebt nach einem geregelten Tagesablauf und ignoriert die Hilfe seiner Nachbarin. Bis er eines Tages zwischen den Sachen seiner Frau ein Armband mit acht Anhängern findet, das seine Neugierde weckt. Welche Geschicht steckt hinter den Anhängern und hatte seine Frau Geheimnisse vor ihm. Notgedrungen begibt sich Arthur auf die Suche nach Antworten und damit auf eine abenteuerliche Reise, die ihn bis nach Indien führt…

Er holte die Schatulle aus der Tasche und öffnete sie auf dem Fensterbrett. Obwohl er mittlerweile daran gewöhnt war, das Armband zu sehen, es zu berühren, konnte er es noch immer nicht mit seiner Frau in Verbindung bringen.

Buchgedanken:

Phaedra Patrick erzählt eine warmherzige Geschichte über Verlust, Einsamkeit und Geheimnisse. Ein ruhiger Roman, der zeigt, wie sehr Begegnungen und Erlebnisse außerhalb der eigenen Wohlfühlzone das Leben bereichern können. Der anfangs schwermütige und in sich gekehrte Arthur, öffnet sich langsam den Menschen in seiner Umgebung und meistert so manche abenteuerliche Situation.

Bei jedem Menschen, dem ich begegne, bei jeder Geschichte, die mir zu Ohren kommt, habe ich das Gefühl, als würde ich mich verändern und wachsen. Und vielleicht profitieren andere auch ein bisschen davon, mir zu begegnen. Es ist ein seltsames Gefühl.

Je mehr er über Miriams Vergangenheit erfährt, desto mehr stellt er seine Ehe in Frage, um am Ende zu akzeptieren, dass jeder Mensch Geheimnisse hat und selbst in einer Ehe nicht alles miteinander teilt.

Fazit:

Ein berührender und unterhaltsamer Roman über eine abenteuerliche Reise, bedächtig erzählt, mit sympathischen Protagonisten und wunderbaren Begegnungen, die einem zum Lachen und Weinen bringen. Eine Geschichte der leisen Zwischentöne, die zum Nachdenken anregt und zeigt, wie man das eigene Leben bereichern kann, indem man von der eigenen Routine abweicht und sich neuen Wegen öffnet.

Leben ist das, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben - Henry Miller Klick um zu Tweeten
© btb Verlag
Wie Arthur Pepper sich vor seiner Nachbarin versteckte und am Ende doch sein Herz fand ist ein Roman von Phaedra Patrick, übersetzt von Beate Brammertz und 2018 im btb Verlag erschienen.
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Rezension: Die letzte Reise der Meerjungfrau von Imogen Hermes Gowar

Mr. Hancock ist kein wunderlicher Mensch, hat aber nie die Vorstellung abschütteln können, dass sein Leben vom rechten Kurs abgekommen ist, als seine Frau im Kindbett den Kopf aufs Kissen sinken ließ und ihren letzten, jammervollen Atemzug tat. Es kommt ihm vor, als wäre das Leben, das er hätte führen sollen, in nächster Nähe weitergegangen, nur durch ein bisschen Luft und Zufall von ihm getrennt, und er würde ab und zu wie durch einen wehenden Vorhang einen Blick darauf erhaschen.

Das Ansehen des Kaufmanns Jonah Hancock steigt schlagartig, als eines seiner Schiffe mit einer echten Meerjungfrau an Bord zurückkehrt. Durch diese Sensation steigt Jonah in die obersten Kreise der Gesellschaft auf und verkauft die Meerjungfrau schließlich für eine hohe Summe. Nur die Gunst der Edelkurtisane Angelica Neal kann er nicht gewinnen, denn Angelica fordert als Liebesbeweis eine eigene Meerjungfrau. Jonah setzt alles daran, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die Folgen…

Buchgedanken:

Imogen Hermes Gowar erweckt in ihrem Roman das London des 18. Jahrhunderts zum Leben und entwirft das stimmungsvolle Bild einer opulenten und schillernden Stadt. Eine Geschichte über Träume, Leidenschaft und das Streben nach einem besseren Leben, die ihren Zauber nur langsam entfaltet. Ein Roman der leisen Tönen, eingängig geschrieben, bildgewaltig und mit feinem Humor.

Fazit:

Alles in allem ein eindrucksvoller historischer Roman, der vor allem in Bezug auf die Meerjungfrau mit der Erwartungshaltung des Lesers spielt. Eine unterhaltsame, berührende und überraschende Geschichte.

© Bastei Lübbe

Die letzte Reise der Meerjungfrau ist ein Roman von Imogen Hermes Gowar, übersetzt von Angela Koonen und 2018 bei Bastei Lübbe erschienen.

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Rezension: Die Abenteuer der Cluny Brown von Margery Sharp

Sie hat da so einen Artikel in der Zeitung gelesen, dass es den Nerven gut tut und den ganzen Körper belebt, wenn man einen Tag lang im Bett bleibt und nur Orangen isst.

Die junge Cluny Brown lebt nach ihren eigenen Regeln, sie geht zum Nachmittagstee ins Ritz oder verbringt den ganzen Tag Orangen essend im Bett – sehr zum Missfallen ihres Onkels, der sie kurzerhand als Dienstmädchen auf den Herrensitz Friars Carmel in Devonshire schickt. Schon bald stellt Cluny mit ihrer lebenslustigen und unkonventionellen Art das Leben des Landadels auf den Kopf…

Buchgedanken:

Die Abenteuer der Cluny Brown, erstmals 1944 erschienen, ist ein charmantes Zeitzeugnis und eine pointierte Gesellschaftsstudie verpackt in einen unterhaltsamen Roman. Dazu trägt auch der eingängige und elegante Schreibstil von Margery Sharp bei, die so wunderbare Kinderbücher wie Miss Bianca geschrieben hat.
Die Figuren sind sehr gut gezeichnet und authentisch. Clunys erfrischende Art bildet einen herrlichen Kontrast zur britischen Aristokratie und verdeutlicht die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit mit ihrem starren Rollensystem.

Fazit:

Ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman mit einer freigeistigen Protagonistin, die mit ihrer unkonventionellen und lebenslustigen Art bezaubert. Humorvoll, gut beobachtet und mit feinem Spott –  eine charmante literarische Wiederentdeckung ♥

©️ Eisele Verlag

Die Abenteuer der Cluny Brown ist ein Roman von Margery Sharp, übersetzt von Wibke Kuhn und 2018 im Eisele Verlag erschienen.

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