Moderne Märchen: Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Liebe Buchfeen,

ich bin mit Märchen aufgewachsen, kenne die meisten in- und auswendig, habe mich von den Geschichten verzaubern lassen und sie nie wirklich hinterfragt. Wieso baut eine Hexe im tiefsten Wald ein Haus aus Pfefferkuchen? Warum tauscht man eine Kuh gegen angebliche Zauberbohnen? Und kann man die lehrreichen Geschichten auf die heutige Zeit übertragen? Hätte Schneewittchen heutzutage einen Putzzwang, weil die Zwerge im Bergbau arbeiten und den ganzen Dreck mit nach Hause bringen? Wenn Rumpelstilzchen das erstgeborene Kind von der Königin verlangt, schreitet dann das Jugendamt ein?

Antworten auf ähnliche Fragen erhält der Leser in Ein wilder Schwan, denn Michael Cunningham erzählt die alten Märchen neu, betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel, hinterfragt sie mit Witz und denkt die Geschichten weiter. Seine Neuinterpretationen sind unterhaltsam, intelligent, düster und zuweilen bizarr und derb.

Virtuos entzaubert Cunningham die altbekannten Geschichten und offenbart ihre Schattenseiten, die Einsamkeit, die Verzweiflung oder schlichtweg die Dummheit, von der die Figur angetrieben wird. Moderne Märchen, die zeigen, dass sich das Gute allein nur schwer ertragen lässt und vollkommenes Glück sofortige Zweifel hervorruft, denn das Leben beruht auf Gegensätzen und ohne Licht gibt es keine Schatten.

Elf hintersinnige Geschichten für Erwachsene – abgründig, böse und klug, wunderbar passend illustriert von Yuko Shimizu.

© Luchterhand
Ein wilder Schwan ist eine Märchen-Sammlung von Michael Cunningham, übersetzt von Eva Bonné und 2017 im Luchterhand Literaturverlag erschienen.
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# Herzensbücher: Medizin für Melancholie von Ray Bradbury

Der Nachtwind strich über das kurze Gras im Moor; sonst rührte sich nichts. Es war Jahre her, seit ein einziger Vogel durch die gr0ße blinde Muschel des Himmels geflogen war. Vor langer -zeit hatten ein paar kleine Steine Leben vorgetäuscht, als sie zerbröckelt und in Staub zerfallen waren. Jetzt regte sich nur die Nacht allein in den Gedanken der Männer, die sich in dieser Einöde über ihr Feuer beugten; Dunkelheit floß still durch ihre Adern und tickte unhörbar in ihren Schläfen und in ihren Handgelenken. (aus Der Drache)

Medizin für Melancholie ist das bei weitem zerlesenste Buch in meinem Regal und dies mit gutem Grund: in den 22 Geschichten zeigt sich die ganze Bandbreite von Bradburys schriftstellerisches Können. Mal fantastisch und spannend, dann wieder melancholisch und berührend, aber immer originell und wunderschön. Jeder Geschichte wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, der einen in die eigene Kindheit zurückversetzt, als es nicht Schöneres gab, als vor dem Einschlafen eine Geschichte zu hören und gebannt jedes Wort in sich aufzunehmen.

Ray Bradbury war ein Schriftsteller, der das Erzählen liebte und so sprühen seine Geschichten über vor Fantasie und spiegeln seine Liebe zur Literatur in jedem Satz wider. Medizin für Melancholie ist ein wahrer Lesegenuss und beinhaltet mit der Titelgeschichte und Die Stadt, wo niemand ausstieg zwei meiner Lieblingsgeschichten. Ein Buch, in dem ich immer wieder gerne lese und das mich auf jeder Reise begleitet, denn neben den wunderbaren Erzählungen ist der Titel Programm, gerade in der Ferne können Geschichten ungemein tröstlich sein.

Ray Bradbury // Medizin für Melancholie // Diogenes Verlag

©️ Diogenes Verlag

Herzensbücher ist eine Aktion von Zeilenwanderer & Literally Sabrina. Am 20. jeden Monats werden Bücher vorgestellt, die einem besonders am Herzen liegen.

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